NIEMAND hat uns ausgebildet – Warum wir die Namen unserer Lehrer nicht preisgeben

Das Vorhandensein einer möglichst beeindruckenden Abstammung und einer langen Lehrlinie mit etlichen schillernden Namen ist für viele asiatische Kampfkünste sehr wichtig. In vielen Fällen dient der Verweis auf die Lehrlinie und deren Traditionen als pauschale Rechtfertigung für die Existenz einer Kampfart, zur Herstellung von Vertrauenswürdigkeit (Marketing) und zur Durchsetzung ihrer Regeln (Etablierung einer Glaubensstruktur, Monetarisierung, etc.) – und zwar völlig egal ob dies in kämpferischer Hinsicht einen Sinn ergibt oder auch nicht.

Im Pahuyuth sind wir stolz darauf, dass wir all diese Dinge nicht brauchen. Weder beten wir unsere Lehrer an, noch stellen wir sie ins Rampenlicht und vor allem offenbaren wir niemandem ihre Namen oder die Herkunft ihres Wissens. In den meisten Fällen kennen wir nicht einmal ihre wahre Identität und bezeichnen sie einfach als „ein Lehrer“, was ein Teil unserer jahrtausendealten Tradition und Kultur ist.

Pahuyuth – Die Tradition der Diskretion

Pahuyuth ist – nebst einiger anderer Dinge – die überlieferte Kampfart paramilitärischer Freikämpfer und Söldner, die über viele Jahrhunderte hinweg unzählige Kriege geführt und geheime Operationen in ganz Südostasien durchgeführt haben.

Ein Beispiel für eine dieser Kommandoeinheiten war das DAB NARESUAN, eine im 16. Jh n. Chr. auf Befehl von König Naresuan hin gegründete Schwertkämpfereinheit, die aus Pahuyuth Schwerkämpfern bestand und darum gebeten wurde, das Land im Falle einer Invasion zu schützen und verdeckte Operationen durchzuführen. Andere Freikämpferverbände tauchten bei Schlachten wie Geister aus dem Nichts auf, erfüllten ihren jeweiligen Auftrag und kehrten anschließend in ihre Heimatdörfer zurück. Bis heute weiß niemand woher sie kamen, wer sie waren oder von wem sie das Kämpfen gelernt hatten.  

Kluge und umsichtige Herrscher wie beispielsweise der oben erwähnte König Naresuan und andere waren sich des enormen Wertes der Freikämpfer als paramilitärische Guerillakampftruppen sehr wohl bewusst. Mit Hilfe der alten Freikämpfer gewannen sie unzählige Schlachten, bekämpften erfolgreich Invasoren aus allen Richtungen und formten ganze Königreiche. Im Gegenzug ließen sie die Freikämpfer in Frieden und Freiheit ziehen und versicherten sich dadurch ihrer fortgesetzten Loyalität. 

Dieses Loyalitätsverhältnis endete erst mit der Hinrichtung von König Tak Sin und 200 der ihm loyalen Pahuyuth Freikämpfer im Jahr 1782 n. Chr. Aus Angst vor politischen Verfolgungen zogen sich die überlebenden Freikämpfer aus dem Licht der Öffentlichkeit zurück und gingen die in den Untergrund. Das Wissen über die Existenz der alten Freikämpfer wurde aus den Geschichtsbüchern getilgt.

Ebenso wie Angehörige von modernen Spezialeinheiten mussten all diese assymetrisch operierenden Guerilla-Krieger ihre wahre Identität verbergen, weshalb sie während im Rahmen ihrer Operationen fiktive Namen oder Rufzeichen anzunehmen pflegten. Diese lebensverlängernde „Tradition der Diskretion“ wird in der Pahuyuth Gemeinschaft bis heute fortgeführt – allerdings mit einer etwas anderen Zielsetzung als clandestine Operationen durchzuführen.

Damals wie heute geben Angehörige von Spezialeinheiten ihre Identität nicht preis.

Kämpfernamen in der Moderne (Schüler)

Mit der Aufnahme als Pahuyuth Schüler in das Kollegium der Graduierungsträger und dem Eintritt in die Lernstufe des Pahuyuth (Grüngurt) erhalten Pahuyuth Schüler von ihren Mitschülern einen eigenen Fantasienamen bzw. Kämpfernamen unter dem sie fortan firmieren. Zumeist handelt es sich dabei um fiktionale Charaktere aus der Popkultur oder Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, denen man ähnliche charakterliche Eigenschaften nachsagt wie dem jeweiligen Schüler.

Verliehene Kämpfernamen sind in den seltensten Fällen schmeichelhaft, treffen aber so gut wie immer den individuellen Charakter des jeweiligen Trägers. Sie sollen zum Nachdenken über die eigene Persönlichkeit anregen und dadurch die Persönlichkeitsentwicklung fördern.

Da der Charakter eines Menschen sich ändern oder ein neuer Aspekt zutage treten kann, kann bei späteren Prüfungen (Weißgurt und Schwartzgurt) auch ein anderer Name verliehen werden. In vielen Fällen sind Angehörige des Pahuyuth einander ausschließlich unter ihren Kämpfernamen bekannt.

Die Tradition der Kämpfernamen wurde in die Moderne übernommen und dient heutzutage vor allem pädagogischen Zwecken.

Kämpfernamen in der Moderne (Lehrer)

Mit dem Eintritt in die Lehrstufe des Pahuyuth (ab Blaugurt) verlieren Praktizierende des Pahuyuth ihren Schülerstatus und ebenfalls ihren verliehenen Kämpfernamen. Fortan firmieren sie innerhalb der Pahuyuth Gemeinschaft entweder als namenlose Kämpfer, oder sie wählen sich selbst einen oder mehrere Kämpfernamen, die traditionell häufig auf Geistwesen oder Rachegeister hinweisen.

Der Hintergrund dieser Tradition ist einerseits mit der Abkehr vom weltlichen Leben (dem Schülerstatus) begründet. Andererseits geht es darum, dass Angehörige der Lehrstufe sich in jedem Moment selbstständig als Kämpfer definieren müssen, was insbesondere für angehende Lehrer (Blaugurt) als Hinweis zu verstehen ist, sich mit dem eigenen Status und der daraus folgenden Verantwortung als Kämpfer und als Mensch auseinanderzusetzen, um die persönliche Selbstfindung und Selbsterkenntnis voranzutreiben. 

Ferner wird bei Angehörigen der Lehrstufe nicht mehr von „lebendigen“ (aktiven) Kämpfern ausgegangen, die nach Siegen und Anerkennung streben. Stattdessen rückt nunmehr die sinnbildliche Wissensvermittlung eines „Geistes aus vergangener Zeit“ in den Fokus, weshalb die Klarnamen von Lehrern im Pahuyuth niemals veröffentlicht oder in den Vordergrund gerückt werden.

Ebenso wie der verliehene Name dient auch das selbstgewählte Name traditionell dem Schutz einer inaktiven Person vor Verfolgungen oder Hetzjagden. Dies gilt übrigens sowohl für die analoge als auch für die digitale Welt des 21. Jahrhunderts.

Davon abgesehen geht es im Pahuyuth seit je her niemals um den Vermittler von Wissen (Person), sondern ausschließlich um das Wissen bzw. die Wissensvermittlung (Kompetenz). Echtes Kampfwissen existiert und funktioniert stets unabhängig von der Person die dieses Wissen weitergibt. Deshalb wird die Frage nach der Herkunft eines Lehrers oder der seines Kampfwissens von Angehörigen der Lehrstufe üblicherweise wie folgt beantwortet: 

Ich bin niemand. Ich komme von nirgendwo her und ich gehe ins Nirgendwo. Ich wurde von niemandem ausgebildet und ich helfe jemandem dabei ein niemand zu werden.“

Eine Frage des Glaubens – Abgrenzung zur thailändischen Kultur

Pahuyuth ist wesentlich älter als Thailand und Siam. Es entstand vor über 4.500 Jahren aus der Auflehnung gegen Gewalt, Unterdrückung und Sklaverei. Die Kultur der Thai entstand erst wesentlich später und wurde unter anderem durch den Theravada Buddhismus geformt, der etwa um 100 n. Chr. bei den Thais Verbreitung fand.

Gesellschaftliche Hierarchie und die damit verbundene Obrigkeitshörigkeit bzw. die Unterwerfung des Individuums zu Gunsten des Machterhalts sind ein integraler Teil der thailändischen Kultur und ausdrücklich NICHT der des Pahuyuth. Die Freikämpfer des Pahuyuth streben seit je her nach individueller Freiheit und Gleichheit unter Menschen, was einen Gegensatz zu den meisten südostasiatischen Kulturen darstellt.

Es gibt zwar auch in der thailändischen Kultur die Verwendung von Kosenamen. Im Gegensatz zu den Kämpfernamen des Pahuyuth beschränken diese sich jedoch auf sehr einfache und eingängige Begriffe, die den Umgang im Alltag erleichtern. Die Kämpfernamen von Muay Thai Kämpfern sind wiederum die Namen der Boxställe aus denen sie kommen und für die sie im Ring Geld verdienen. Auch dies kann man als ein Zeichen von Unfreiheit bis hin zur Leibeigenschaft werten.

An dieser Stelle möchten wir betonen, dass wir (Pahuyuth) prinzipiell nichts gegen die thailändische Kultur oder die Einwohner dieses Landes haben. Wir möchten hiermit lediglich die Unterschiede zur Pahuyuth Kultur aufzeigen.

Das Individuum hat sich unterzuordnen – ist Thailand wirklich ein freies Land?

Muay Thai Kämpfer tragen die Namen ihrer Promoter.

PAHUYUTH ist die Kampfart des freien Volkes.

Es entstand aus der Auflehnung gegen Gewalt, Unterdrückung und Sklaverei.

Es wurde entwickelt, um sich gegen überlegene Feinde zur Wehr zu setzen.

Es wird weitergegeben, um ein Leben in Frieden und Freiheit zu bewahren.

Pahuyuth Kämpfer sind freie Kämpfer, im innen wie im außen.

Wie soll ich ohne Abstammung und Lehrlinie glauben dass Pahuyuth überhaupt funktioniert?

Die Antwort ist einfach: Gar nicht. Das Lehrsystem des Pahuyuth basiert seit je her nicht auf Glauben, sondern auf Wissen.

An etwas zu glauben bedeutet, eine vermeintliche Wahrheit von einer anderen Person zu übernehmen. Das mag in vielen Bereichen des Lebens völlig in Ordnung sein. Für Kampfkünstler und Kampfsportler können solche „übernommenen Wahrheiten“ jedoch schwere gesundheitliche Konsequenzen haben. Zum Beispiel wenn es darum geht sich selbst verteidigen zu müssen.

Um solche Probleme gar nicht erst entstehen zu lassen, wurde das Lehrsystem des Pahuyuth so konstruiert, dass es ausdrücklich nicht auf dem Glauben an an das überlieferte Freikämpferwissen bzw. an dessen Quelle basiert.

Pahuyuth Schülern werden im Rahmen ihrer Ausbildung lediglich Thesen vermittelt, die von jedem einzelnen Schüler individuell getestet, logisch nachvollzogen und kritisch hinterfragt werden müssen. Einen Anspruch auf Wahrheit oder eine Gewährleistung für die Herkunft dieser Thesen gibt es hier nicht. Weit verbreitete Sätze wie „Mein Meister / Lehrer / Kru /  Sifu / Sensei / Ajarn / Trainer / Instructor / Coach hat aber gesagt..“ wird man im Pahuyuth nicht finden.

Stattdessen lernen Pahuyuth Schüler sich auf ihr eigenes Urteilsvermögen zu verlassen und übernommene Wahrheiten durch eigene Erkenntnisse zu ersetzen. Die so erzeugte individuelle Selbsterfahrung resultiert in der Regel in echter fachlicher Kompetenz, die unabhängig von jedwedem Glauben funktioniert und keinerlei Verweis auf die Abstammung und Lehrlinie des Pahuyuth Wissens bedarf.

Er war ein großer Kämpfer .. bis zu seinem ersten Kampf. 

– Redewendung

Glauben und Wissen zu verwechseln hat schon so manchem Kämpfer eine schwere Niederlage eingebracht.

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