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No sports – Die Unterschiede zwischen MUAI und Muay Thai

Häufig werden wir gefragt, wo die Unterschiede zwischen MUAI und dem thailändischen Nationalsport Muay Thai (Thaiboxen bzw. Muay Veti) liegen. Hier einige Eckpunkte:

MUAI

Um in Friedenszeiten zu überleben, hielten Pahuyuth Freikämpfer etwa ab 900 nach Chr. Improvisationskämpfe mit Faustschlägen, Tritten, Ellenbogen- und Kniestößen ab. Daraus entstand eine neue Kampfmethode namens MUAI aus der später der thailändische Nationalsport Muay Thai (Thaiboxen) und andere südostasiatische Kampfstile (z.B. Bokator, Pradal Serey, Lethwei oder Muay Lao) hervorgingen.

MUAI wurde von den damaligen Freikämpfern in das Pahuyuth zurückgeführt und über Generationen hinweg unverfälscht weitergegeben. Anders als das in den 1990 Jahren entwickelte Muay Boran, verfügt es daher auch heute noch über das volle technische Spektrum und ein einheitliches Lehrsystem mit einem klarem konzeptionellen Kern.

Seit 1975 wird MUAI in der Pahuyuth Schule (damals noch Muai-Thai Studio) unterrichtet. Sie war die erste Schule in Deutschland, die das im Westen zu jener Zeit noch unbekannte „Thailändische Kämpfen“ publik machte und gilt als wichtige Wegbereiterin für die Entwicklung thailändischer Kampfsportarten in Europa, sowie als Maßstab setzende Vorreiterin und Autorität für traditionelle thailändische Kampfkünste.

No sports

MUAI stammt aus einer Zeit in der es noch keine Sportverbände, Vereine oder Kampfregeln gab. Entsprechend handelt es sich bei MUAI um keinen Sport bzw. Kampfsport im herkömmlichen Sinne. Das bedeutet, es unterwirft sich keinem sportlichen Regelwerk und so ziemlich alles was an „unsportlichem Verhalten“ und „unfairen Tricks“ möglich ist, ist hier gestattet.

Weitere Informationen zu diesem Thema in nebenstehendem Video.

Bare Knuckle

Gekämpft wird zwar auch im MUAI mit Fäusten, Füßen, Ellenbögen und Knien. Dies allerdings ohne Zahnschutz, Mundschutz, Kopfschutz, Brustschutz oder Schienbeinschoner. Gleiches gilt für Boxhandschuhe und Bandagen, die auf der Straße und in Notwehrsituationen nun mal nicht vorkommen.

Lediglich MUAI Anfängern werden daher leichte Handschuhe (8oz.) zugestanden. Fortgeschrittene Schüler (ab Weißgurt) trainieren üblicherweise bare-knuckle (mit blanken Fäusten).

Diese Form des Training erfordert eine größere Vorsicht als es mit Handschuhen und Schutzausrüstung der Fall wäre. Dafür können auch kleinere Deckungslücken und engere Winkel genutzt werden. Dies schult das Auge und die Deckung gleichermaßen. Ein sich hinter großen Boxhandschuhen verstecken oder in der Doppeldeckung ausharren ist ohne Handschuhe eher schwierig.

Technical difference gloves and bare-knuckle

Bare-knuckle – ohne Handschuhe sind andere Technikvarianten möglich.

Bodenkampf und Grappling

Fortgeschrittene Schüler (ab Weißgurt) trainieren außerdem unter Einbeziehung von Grifftechniken und Bodenkampfelementen aus dem LING LOM.

Geübte MUAI Praktiker wechseln dabei nahtlos vom Stehkampf in den Bodenkampf und zurück. Das ganze natürlich ohne Matten und notfalls eben auch auf städtischen Asphalt. Fußfeger und Wurftechniken sind im MUAI bekannt. Allerdings entfalten sie hier weit weniger Wirkung als bei reinen Stehkampfsystemen. Fall- und Rolltechniken gehören im Pahuyuth (und somit auch im MUAI) zur Grundausbildung.

Das Fehlen von Handschuhen und Bandagen erlaubt es MUAI Praktikern ihr Gegenüber zu greifen und Grifftechniken einzusetzen. Auf ein längerfristiges ClinchenSubmission-Grapplings oder Ground-and-Pound-Attacken, wie sie zum Beispiel im MMA (mixed-martial-arts) häufig verwendet werden, wird dabei jedoch bewusst verzichtet. Der Grund hierfür liegt unter anderem in der Ausrichtung des MUAI auf Kampfsituationen mit mehreren Gegnern.

Muai Muay Thai Boran Head Kick technique

Keine Schienbeinschoner, kein Kopfschutz, kein Zahnschutz, …

Im MUAI sind alte Techniken noch unverfälscht erhalten geblieben.

Bare-Knuckle – MUAI kämpft ohne Handschuhe und Bandagen

Elfmeter – Nachtreten am Boden gehört im MUAI zum Alltag.

MUAI kämpft nahtlos am Boden weiter – einen Ringrichter gibt es nicht.

Kämpfen gegen mehrere Gegner

Gleich vom Start weg lernen MUAI Schüler sich gegen mehrere Gegner zur Wehr zu setzen, was vermutlich einer der deutlichsten Unterschiede zu den meisten Kampfsportarten ist.

Während man in einem fairen Wettkampf in den meisten Fällen eine 1-gegen-1 Situation erwarten darf, waren Pahuyuth Krieger auf dem Schlachtfeld stets mit einer Vielzahl an Gegnern aus allen Richtungen konfrontiert. Zwar werden die meisten MUAI Praktiker heutzutage nicht mehr auf Schlachtfeldern kämpfen müssen, aber für moderne Notwehr und Selbstverteidigungszwecke ist es beinahe unerlässlich, auch diese Facette des Kampfes zu beherrschen.

Um dies leisten zu können, lernen MUAI Schüler bereits in der Anfängerstufe (Grüngurt) etwa 188 Grundtechniken, die in darauffolgenden Lernstufen noch weiter ergänzt, variiert, verfeinert, spezialisiert und fortentwickelt werden. Rechnet man die 45 Basistechniken der Gelbgurtstufe hinzu, dann ergibt das mindestens 233 Techniken, die für so ziemlich jede sich bietende Situation eine passende Antwort ermöglichen.

MUAI Praktiker kennen darüber hinaus auch keinen Unterschied zwischen Normalauslage (orthodox) und Rechtsauslage (southpaw). Alle MUAI Schüler werden stets zu switch-hittern (beidseitig) ausgebildet, was ungleich länger dauert aber für den Anwendungsbereich des MUAI etliche Vorteile mit sich bringt.

Pack Boxing / Rudelboxen
Pack Boxing / Rudelboxen

Rudelboxen – Kämpfen gegen mehrere Gegner gehört seit je her zum MUAI Ausbildungsprogramm

Waffenkampf

MUAI beinhaltet per se keinen Waffenkampf. Es gehört jedoch zum Pahuyuth, in dem fünf von sieben Disziplinen (>70%) sich mit bewaffnetem Kampf auseinandersetzen.

Tatsächlich basieren die im Techniken des MUAI (und somit auch die Muay Thai) ursprünglich auf Waffenkampftechniken. Fausttechniken stammen beispielsweise vom Schwert- bzw. Messerkampf (DAB, MIED) ab, während viele Kicks und Knietechniken den Stockkämpfern (Grabong) zugeschrieben werden. Am deutlichsten erkennbar ist diese Verbindung wohl beim Schildkampf (MAIH ZOOG), dessen Faust- und Ellenbogentechniken sowohl mit und ohne Waffen ausgeführt werden können.

Anders als beispielsweise das Krabi Krabong beinhalten alle Pahuyuth Waffenkampfdisziplinen auch immer Techniken des waffenlosen Kampfes. Dadurch wird einerseits ein höheres Spektrum an Möglichkeiten geboten (z.B. eine Kombination aus Schwerthieben und Faustschlägen). Andererseits aber auch gewährleistet, dass Pahuyuth Kämpfer bei einem Verlust ihrer Waffen nahtlos weiterkämpfen können. Einen Ringrichter gibt es wie gesagt nicht.

Lehrer-Schüler Verhältnis

Ein weiterer bedeutender kultureller Unterschied ist das Lehrer-Schüler-Verhältnis.

In der thailändischen Kultur genießt ein Lehrer (Kru) den größten Respekt und wird sowohl öffentlich als auch privat verehrt. In vielen Fällen entsteht dadurch eine Form von Anbetung und Glorifizierung aus der sich im gesellschaftlichen Leben eine Form von Hierarchie ergibt.

In der Kultur der Pahuyuth Freikämpfer sind alle Menschen gleich. Daraus folgt, dass ein MUAI Lehrer (Kru) zwar immer ein erfahrener Krieger und geachteter Wissensvermittler ist, niemals jedoch ein Herrscher oder Gebieter.

Aus diesem Grund wird der traditionelle Wai Kru (Lehrergruß) auch niemals zur Ehrung eines lebenden Lehrers ausgeführt. Weitere Informationen zu diesem Thema haben wir in einem eigenen Blog Artikel zusammengefasst.

Pahuyuth Wai Kru / Wai Khru Ritual

Wai Kru Ram Muai

Die im Muay Veti (Muay Thai) bekannten, rituellen Tänze, die vor jedem Kampf aufgeführt werden, stammen ursprünglich von Pahuyuth Freikämpfern.

Bis 2018 (n. Chr.) gab es im offiziellen Lehrplan der Disziplin MUAI noch verschiedene überlieferte Ram Muai Choreographien.

Warum wir diese Tradition nicht weiter fortführen werden und was diese Entscheidung für zukünftige MUAI Schüler bedeutet, erklären wir in einem eigenen Blog Artikel.

Keine Wettkämpfe, keine Wettkampfvorbereitung

Grundsätzlich steht es jedem MUAI Schüler frei, sich nach belieben an Sportwettkämpfen zu beteiligen oder auch nicht. Innerhalb des Pahuyuth gibt es jedoch keine wettkampforientierte Ausbildung und somit auch keine sportliche Wettkampfförderung.

Das Gründen von Sportverbänden oder die Beteiligung an einem solchen, würde stets zu einer Einschränkung durch sportliche und gesellschaftliche Regeln führen. Dies entspricht nicht der Kultur der Pahuyuth Freikämpfer, die auf der Auflehnung gegen Unterdrückung und Sklaverei und dem Streben nach Frieden und Freiheit basiert.

Während daher in das moderne Muay Veti (Muay Thai) Jahrzehnte der industriellen Entwicklung, Spezialisierung und Auslese für Sportwettkämpfe sowie modernste Erkenntnisse der Sport- und Ernährungswissenschaften eingeflossen sind, zielt die traditionelle MUAI Ausbildung seit je her auf ein möglichst breites Spektrum an Einsatzmöglichkeiten und größtmögliche individuelle Freiheit ab.

Wenn es demnach etwas gibt, das MUAI nicht bzw. nicht gut kann und im Regelfall auch nicht möchte, dann ist es innerhalb der Regeln des Muay Veti (Muay Thai) zu kämpfen. Hierfür gibt es Spezialisten, die diese spezielle Kampfart wesentlich besser beherrschen und folglich eine viel bessere Ausbildung in dieser speziellen Sportart bieten können.

MUAI Ellenbogentechnik

Ellenbogenstich gegen den Kehlkopf – MUAI kann vieles, aber Sport gehört in der Regel nicht dazu.

Muay Veti (Muay Thai)

Im Gegensatz zum MUAI ist das das Muay Veti (aka. Muay Thai bzw. Thaiboxen) exklusiv auf einen sportlichen Wettstreit zwischen zwei Kontrahenten im Stehen ausgelegt, wobei der Umfang der erlaubten Techniken im Zuge der Entwicklung und Industrialisierung des Muay Thai immer weiter geschrumpft ist.

Wetten und Wettgeschäfte sind seit je her ein wesentlicher Bestandteil der südostasiatischen Kultur. Daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch auf den Ausgang von Kämpfen zwischen menschlichen Kontrahenten gewettet wurde und wird.

Das moderne Muay Veti (Muay Thai) entstand um ca. 1910 (n.Chr.) als ein thailändischer Geschäftsmann damit begann, Boxhandschuhe aus dem Vereinigten Königreich (UK) zu importieren. Dort gab es das sogenannte Muay Sagon (westliches Boxen bzw. Queensberry-Boxen), dessen Regeln sicherlich auch die des Muay Veti beeinflusst haben durften.

Was zunächst (ähnlich wie das Kino) als Jahrmarktsattraktion bzw. Rummelboxen begann, entwickelte sich schon bald zu einer voll ausgewachsenen Sportindustrie.

Mit der Industrialisierung des Muay Veti, veränderten sich auch die Regeln und damit das vermittelte Technikrepertoire. Während in den Anfängen dieses Sports noch vermehrt auf die erfolgreiche Durchführung bestimmter Techniken und Tricks (Gon) gewettet wurde, ging es in späterer Zeit fast nur noch um den Ausgang des Kampfes.

Wie in jeder anderen Industrie auch bestimmt die Nachfrage auch im Muay Vetidas Angebot. Der Trend ging folglich zu immer mehr Härte, Kraft und Schnelligkeit. Gleichzeitig wurden immer mehr Regeln und Einschränkungeneingeführt, die dabei helfen sollen besonders schwere Verletzungen und die damit verbundenen Umsatz- bzw. Verdienstausfälle zu reduzieren.

Viele der alten Techniken sind dieser Entwicklung zum Opfer gefallen, aber nach wie vor gehört Muay Veti zu den faszinierendsten Kampfsportarten der Welt, zumal sich dieser Kampfsport stets treu geblieben ist und niemals etwas sein wollte was es nicht war.

Kämpfer des Muay Veti (Muay Thai) sind hochspezialisierte Kampfsportler.

Könige im Ring – wer kämpfen muss um zu überleben leistet eine harte aber ehrliche Arbeit.

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