Coverbild Waih Khru Ram Muay

Der RAM MUAI und warum wir ihn nicht mehr unterrichten

Der sogenannte Ram Muai ist ein Ritual, das über viele Jahre zum Ausbildungsprogramm der Pahuyuth Disziplin MUAI gehörte und im Jahr 2018 (nach westlicher Zeitrechnung) aus dem offiziellen Lehrplan gestrichen wurde. Warum das so ist, erklären wir weiter unten.

Ram Muai / Ram Muay – Was ist das?

Jeder der schon einmal einen Muay Veti (Muay Thai) Kampf gesehen hat, weiß dass die Kämpfer vor Beginn eines solchen Kampfes zunächst einen rituellen „Tanz“ zu einer speziellen Musik aufführen. Man bezeichnet dieses Ritual als „Wai Khru Ram Muay“ (Gruß-Lehrer-Tanz-Muay).

In der Tradition dieser Sportart ist dieses Ritual von großer Bedeutung. Der Ram Muay dient dem Dank und der Ehrerbietung gegenüber verschiedenen Persönlichkeiten. Keinen Ram Muay aufzuführen wäre eine schwere Beleidigung.

Anhand des Ram Muay können erfahrene Beobachter Rückschlüsse über die Herkunft, den Kampfstil und die individuellen Fähigkeiten eines Kämpfers ziehen. Dies hat eine besondere Relevanz für das Wettgeschäft, weil schon auf dieser Basis Wetten platziert werden können.

In früherer Zeit war es üblich, dass Kämpfer die bereits anhand des gegnerischen Ram Muay erkennen konnten, dass sie den Kampf verlieren werden, sich vom Kampf zurückziehen durften. Dies wohlgemerkt ohne einen Gesichtsverlust zu erleiden.

Beim Kickboxen wird die Aufführung eines Wai Kru Ram Muay häufig per Regelwerk untersagt.

Kein Boxkampf ohne Tanz – der Ram Muay gehört zu jedem echten Muay Veti Kampf.

Die Ursprünge dieses Rituals

Schon zu Zeiten der Glie-Stämme war es Brauch, vor dem Beginn einer Schlacht oder eines Feldzuges mit einem rituellen Tanz Abschied vom Leben und von den Wegbegleitern (Schöpfer, Eltern, Lehrer, Freunde und Verwandte) zu nehmen. Basierend auf dem Wissen des Saiyasart, wurden dabei auch Ahnen und Krieger der Vergangenheit angerufen und um Hilfe gebeten.

Da es zu jener Zeit noch kein MUAI oder Muay Veti (Muay Thai) gab, ist anzunehmen, dass die ersten dieser Tänze von Pahuyuth Waffenkämpfern (zum Beispiel DAB Schwertkämpfern) ausgeführt wurden.

Bestimmte Formen des Ram Dab (Schwerttanz) waren später auch bei Hinrichtungen gebräuchlich. Der Verurteilte wurde kniend mit seinem Kopf auf einem Holzblock positioniert und ein entsprechend qualifizierter Schwertkämpfer führte einen Tanz auf an dessen Ende der Verurteilte enthauptet wurde.

Im Zuge der Entwicklung des MUAI um etwa 900 n.Chr. entstand der Brauch vor Beginn eines jeden Kampfes einen solchen Tanz aufzuführen. Später entwickelte Kampfarten, wie das Krabi Krabong oder das Muay Veti (Muay Thai) übernahmen diese Tradition auf ihre Weise.

Durch die Rückführung des MUAI in das Pahuyuth Wissen und sonstige Überlieferungen, gelangten verschiedene traditionelle Ram Muai Choreographien in den Lehrplan des MUAI und wurden dort über mehrere Generationen hinweg bewahrt.

Der Engelstanz (Ram Theb Pranomm)

Es gibt verschiedene Ram Muai Varianten. Einer der ältesten überlieferten Ram Muai ist der sogenannte „Engelstanz“ (Ram Theb Pranomm):

Der Kämpfer beginnt diesen Tanz im Sitzen nach dem Vorbild des göttlichen Thep (Engel), der den Gott mit den vier Gesichtern ehrt (Pra Prohm). Aus den Bewegungen dieses Tanzes kann die Beherrschung der vier körpereigenen Waffenelemente (Faut, Fuß, Ellenbogen und Knie) herausgelesen werden.

Die Bewegungen in dieser Choreographie offenbaren die Beherrschung der einzelnen Techniken durch die Kämpfer und seine Standfestigkeit.

Weitere Ram Muai Formen:

  • „Tanz des Affengottes, der den Ring übergibt“ (Ram Hanuman Tawaii Waen)
  • „Tanz des meditierenden Predigers“ (Ram Ruesi Jam Sin)
  • „Tanz der Wanderung des Gottes Naray im Dschungel“ (Ram Naray Doen Dong)
  • „Tanz des Affengottes über den Berg“ (Ram Hanuman Kam Kau), auch bekannt als „Tanz vom Priesterberg“ (Ram Doy Ruesi)
  • „Tanz der jungen Göttin“ (Ram Tehb Tida), auch bekannt als „Tanz der schüchternen Jungfrau“
  • „Tanz des alten Lehrers“ (Ram Kru Tau), auch bekannt als „Tanz des Jägers, der das Reh jagt“ (Ram Nay Plan Lahh Gwang)

Oben genannte Ram Muai Choreographien gehören seit 2018 (n.Chr.) nicht mehr zum offiziellen Lehrplan der Disziplin MUAI.

Warum wir den Ram Muai nicht mehr unterrichten.

Pahuyuth ist eine 4500 Jahre alte Kampfkunst, deren Anwender im Verlaufe der Geschichte einer Vielzahl unterschiedlicher Bedrohungen ausgesetzt waren. Erst gab es die Chinesen, dann die Khmer. Später die Burmesen, die Thai und etliche mehr.

Jeder neue Gegner und jede neue Kampfart stellte das Pahuyuth vor immer neue Herausforderungen. Aus diesem Grund haben die alten Lehrer des Pahuyuth diese Kampfkunst so konzipiert, dass sie ein ständiges Improvisieren, Adaptieren und Überwinden ermöglicht.

In das heutige Pahuyuth Lehrkonzept sind die Erfahrungen, das Wissen und die Überzeugungen von mehr als einhundert Generationen eingeflossen. Bis heute erlernt jede neue Generation von Pahuyuth Schülern, das bis dahin überlieferte Kampfwissen, indem sie es sich aneignet und im Zuge dessen kritisch hinterfragt.

Hat etwas Bestand, weil es zum Beispiel logisch begründet werden kann, dann wird es übernommen und an die nächste Generation weitergegeben. Tut es das nicht oder nicht mehr, dann wird es entweder verändert oder aus dem Lehrplan gestrichen:

Folklore allein gewinnt keine Kriege – die Tradition des Pahuyuth ist es eine Tradition eben nicht um der Tradition willen fortzuführen, sondern weil sie sich bewährt hat.

In Bezug auf den Ram Muai, haben uns drei Punkte dazu bewogen dieses Ritual aus unserem Lehrplan zu entfernen:

1. Keine Wettkämpfe = keine Notwendigkeit

Weder das MUAI, noch eine der anderen Pahuyuth Disziplinen beschäftigt sich mit Sportkampf. Zwar ist es allen MUAI Praktikern jederzeit freigestellt, sich an sportlichen Wettkämpfen zu beteiligen, aber es gibt innerhalb des Pahuyuth keine Wettkampfförderung oder ähnliches. Stattdessen zielt die gesamte traditionelle Ausbildung des Pahuyuth ausschließlich auf ein unsportliches und unreglementiertes Kämpfen.

Während der Ram Muay für das Muay Veti (Muay Thai) und das damit verbundene Wettgeschäft daher immer nur gut und richtig sein kann, gibt es für uns keinen Grund diese Tradition weiter fortzuführen.

2. Keine Relevanz für Straßenkampf und Selbstverteidigung

Die Vorstellung, dass man in einer dunklen Gosse die Zeit und die Muße hätte, einen rituellen Tanz aufzuführen, während vom Smartphone traditionelle Musik ertönt ist und der jeweilige Aggressor respektvoll das Ende des Tanzes abwartet ist schlichtweg absurd.

Ferner gibt es auch keinen Grund die eigene Kampffähigkeit, Herkunft und Absicht einem Gegner vorab zu offenbaren. Sowas gibt es nur in Kung-Fu-Filmen.

Der Ram Muai hat somit keinen reellen Nutzen für die Selbstverteidigung, entsprechend haben wir keine Verwendung für den Ram Muai.

3. Der Ram Muai war und ist letzten Endes nicht wirklich traditionell

Die Tradition des Durchführens einer festgelegten Choreographie zu Zwecken des Ram Muai entstand erst lange Zeit nach der Entwicklung des Pahuyuth. Die ursprünglichen Schwert-, Messer-, Stock-, Schild- und Tuchtänze der alten Freikämpfer sahen anders aus. Sie basierten und basieren auch heute noch auf den Erkenntnissen des Saiyasart.

Die der Rammakian Sage entlehnten Fantasienamen, wie beispielsweise „Tanz des Affengottes, der den Ring übergibt“ (Ram Hanuman Tawaii Waen), weisen außerdem darauf hin, dass diese Tänze nicht älter als 200 Jahre alt sein dürften.

Das Rammakiern ist ein bekanntes Theaterstück, das unter der Regentschaft von König Rama II. (1809-1824) erneut in die Thai Sprache übersetzt wurde und dadurch große Verbreitung fand. Zwar gab es davor bereits einige Übersetzungen des Ramayana-Epos, aber erst diese Fassung fand weite Verbreitung beim gemeinen Volk.

Diese Epoche begann erst nach dem Rückzug der alten Freikämpfer, weshalb im Grunde genommen auch alle Kampfstile deren Techniken derartige Fantasienamen aufweisen (z.B. Muay Boran und Krabi Krabongnicht wirklich als traditionell und erst recht nicht als „alte Kriegskampfkünste“ einzuordnen sind.

Der Ram Muai ist somit nicht wirklich traditionell und wir haben keinen Grund diese Tradition fortzuführen.

Was daraus folgt

Zukünftige Generationen von MUAI Freikämpfern werden die bislang überlieferten Ram Muai (siehe oben) nicht mehr erlernen. Ebenfalls aus dem Lehrplan gestrichen sind Choreographien für Schwerttänze (Ram DAB) und andere Waffengattungen des Pahuyuth.

Rituale die tatsächlich traditionell sind und zudem einen tieferen Zweck erfüllen, wie beispielsweise der Wai Kru (Lehrergruß), der Wan Wai Kru (Lehrergedenktag) oder der Kämpfereid bleiben selbstverständlich auch in Zukunft erhalten. Gleiches gilt natürlich auch für Tanzformen, die auf die uralten Bräuche der Glie-Kämpfer und das Saiyasart zurückgehen.

Das bedeutet, Pahuyuth Freikämpfer werden auch in Zukunft tanzen und das hierfür erforderliche Wissen in der Pahuyuth Schule erlernen können. Dies aber in einer wesentlich authentischeren, traditionelleren und sogar zweckmäßigeren Art und Weise.

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