was ist eine tricktechnik

Als Tricktechnik (Gon Muai) bezeichnete man mehr oder minder spektakuläre Technikkombinationen und Kontertechniken (Mai Gon) des Muai, die in lyrischer Form tradiert wurden.

Historische Verwendung von Gon Muai

In früherer Zeit wurden Techniken und Technikkombinationen teilweise in lyrischer Form niedergelegt und mit phantasievollen Namen versehen. Der Hintergrund war einerseits der Wunsch diese Techniken auch ohne Palmblattmanuskript bzw. moderne Medien zu konservieren, andererseits sollte die Kodierung der Kampftechniken auch einen möglichen Missbrauch verhindern.

Verbreitung fanden diese lyrischen Umschreibungen vor allem bei Muai Wettkämpfen, da in früheren Zeiten weniger auf den endgültigen Ausgang eines Kampfes, sondern auf oder gegen die erfolgreiche Durchführung bestimmter Techniken gewettet wurde. Die für die damaligen Wetter interessante Frage war, ob es einem Kämpfer gelänge seine Spezialtechnik bzw. eine bestimmte Technikkombination einzusetzen. Der Einsatz solcher Techniken erfolgte auf Zuruf und die Kämpfer erhielten von den Wettern Erfolgsprämien.

Viele solcher lyrisch verklausulierten Gon-Techniken wurden in jüngerer Vergangenheit dem Tigerkönig (Pra Chao Sua) zugedichtet. Hierfür gibt es jedoch keinerlei Belege. Internationale Bekanntheit erlangten die lyrischen Kodierungen von Techniken durch den Film ONG BAK mit Tony Jaa in der Hauptrolle an deren deutscher Übersetzung die Pahuyuth Schule beteiligt war.

Gon Muai Techniken im Pahuyuth

Im Pahuyuth bzw. im MUAI ist die lyrische Vermittlung nicht mehr gebräuchlich. Zum einen weil sie zum einen aus historischer Sicht nicht wirklich als „traditionell“ einzuordnen ist (Techniken mit Bezug auf die Rammakiern Sage sind beispielsweise weniger als 200 Jahre alt), weil sie wenig bis kaum praktischen Bezug aufweisen (komplexe Technikkombinationen benötigen passende Situationen) und weil sie im praktischen Unterrichtsprozess immer wieder zu Missverständnissen führen.

An ihre Stelle traten modernere und zeitgemäßere Medien und die systematische Nomenklatur des Pahuyuth, wie sie in den Lugsidt-Techniken und im Pahuyuth Kompendium zu finden ist. Ein weiterer Grund für die Abschaffung dieser Vermittlungsform ist dass diese Methode bei den Lernenden zu einer übermäßigen Festlegung von und Fixierung auf Technikkombinationen führen kann. Dies steht jedoch im Gegensatz zur realen Anwendbarkeit in Gefahrensituationen und widerspricht dem Freiheits- und Individualitätsgedanken des Pahuyuth.

Mitte der 2000er Jahre wurden die Gon Muai Techniken aus dem Lehrplan des Pahuyuth gestrichen.

Decodierung von überlieferten Technikkombinationen

Der Schlüssel zur Decodierung von lyrisch überlieferten Technikkombinationen ist immer der Text und dessen historischer bzw. kultureller Kontext. Ein Beispiel für eine mögliche Decodierung der Textzeile „Hanuman Tawai Waen“ (Hanuman übergibt den Ring) könnte wie folgt aussehen:

  • Hanuman: Affengott aus der Rammakiern Sage. Gilt als kraftvoll und mächtig, aber auch trickreich und verspielt.
  • übergibt/präsentiert: Diese Formulierung deutet auf eine demütige Haltung, eine weiche Bewegung, ein Ausweichen bzw. eine geduckte Haltung hin. Dies könnte wiederum auf ein „untertauchen“ eines feindlichen Angriffs hindeuten.
  • den Ring: Ein Ring ist rund, was auf eine runde Bewegung bzw. einen kurvenförmigen Faustschlag hindeuten kann. Dazu kommt, dass die Figur Hanuman in der Rammakiern Sage einen ringförmigen Stirnreif trägt, der zu Zwecken der Bestrafung auf seine Stirn bzw. seine Schläfen drückt. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass ein kurvenförmiger Faustschlag zum Kopf in Verbindung mit einer Meidbewegung gemeint sein könnte. Ein einzelner Haken zur Schläfe ergibt jedoch nur einen halben Ring, weshalb in diesem Fall zwei gegenläufige Schläge denkbar wären. Mit beiden Fäusten gleichzeitig zu schlagen ergibt jedoch keine besonders kraftvolle (siehe Hanuman Eigenschaften oben) Technik und führt obendrein zu Deckungslücken. Daraus ergibt sich, dass zwei aufeinanderfolgende Schläge als links-rechts oder rechts-links Kombination in gegenläufiger Richtung gemeint sein könnten. Der optimale Ellenbogenwinkel für kraftvolle Kurven beträgt etwa 90°. In Kombination mit dem Untertauchen des gegnerischen Angriffs, spricht dies für eine sehr nah ausgeführte Technik, die einen Vorwärtsschritt beinhaltet.

Daraus folgt: Eine mögliche Interpretation von „Hanuman Tawai Waen“ ist ein Untertauchen eines gegnerischen Angriffs mit einem Schritt nach vorne, der von zwei aufeinanderfolgenden, gegenläufigen Kurventechniken zum Kopf begleitet wird.

Beispiele für überlieferte Technikkombination

  • Chawa Sad Hok – Jawa Throws a Spear
  • Chorake Fad Hang – Serpent Twists Ist Tail
  • Dap Chawala – Extinguish the Lamps
  • Hak Kor Erawan – Break the Elephant’s Nek
  • Hak Nguuang Aiyara – Break the Elephant’s Tusks
  • Inao Tang Grid – Inao Stabs with His Kris
  • Khun Yak Chb Ling – The Giant Catches the Monkey
  • Mon Yan Lak – Mon Supports a Pillar
  • Naka Bid Hang – Serpent Twists ist Tail
  • Pak Look Toy – Impaling the Stake
  • Paksa Waeg Rang – Bird Peeping through the Nest
  • Salab Fan Phla – Cross Stitch
  • Ta Then Kam Fa – Old Man Holding a Melon
  • Viroon Hok Glab – Bird Somersauts
  • Yok Khao Pra Sumeru – Lifting Sumeru Mountain

Beispiele für moderne Technikkombination

Ebenso wie der Ram Muai gehören die überlieferten Gon Muai Techniken nicht mehr zum Lehrplan des Pahuyuth. Stattdessen entwickeln Pahuyuth Schüler eigene Technikkombinationen, die auf ihren individuellen Kampfstil bzw. die jeweilige Situation abgestimmt sind.

Verwendung von Gon Muai in anderen Kampfstilen

Abweichend vom ursprünglichen Verständnis des Pahuyuth über den konzeptionellen Aufbau und die Vermittlung von Kampftechniken werden die in lyrischer Form festgehaltenen Technikkombinationen im Muay Thai, bzw. im Muay Boran häufig als Basistechniken (Mae Mai) oder als Technikvarianten (Look Mai) gelehrt.

In vielen Fällen kam es dabei zu einer Verfälschung der ursprünglichen Techniken, weil der lyrische Kontext der Überlieferungen ungenau oder gar falsch interpretiert wurden. So wird beispielsweise bei der Technik Chorakee Fad Hang (Krokodil schlägt mit dem Schwanz) vielerorts als ein Fersen-Drehkick zum Kopf interpretiert, wobei sowohl der eigene Kopf als auch der gesamte Körper um die eigene Achse gedreht wird. In freier Wildbahn neigen Krokodile jedoch selten dazu Kopf und Körper um die eigene Achse zu rotieren um mit dem Schwanz zu schlagen.

Das Fehlen einer logischen Herleitung für diese Interpretation und Einteilung kann als Indiz für mangelnde Fachkompetenz bei der Rekonstruktion bzw. der Vermittlung traditioneller Kampfstile gewertet werden.