Saiyasart der berg der erleuchtung

Der Berg der Erleuchtung

Eine Saiyasart-Kurzgeschichte über die Suche nach Erleuchtung und den beschwerlichen Weg dort hin.

Von: Plaitamin
Übersetzt von: Buffy

Einst lebte ein Mann, der seine berufliche Karriere und auch seine Familienverpflichtungen schon erfüllt hatte, und den Wunsch hegte etwas für sein geistiges Wohl zu unternehmen und endlich „Erleuchtung“ zu finden.

Aus Erzählungen erfuhr er, dass es sehr weit im Norden einen „Berg der Erleuchtung“ geben soll. Dort fänden alle Suchende, die den Berggipfel erreichen, Erleuchtung. So begab er sich, im Einvernehmen mit seiner Familie, auf den Weg zum Berg. All seine Freunde und die Familie wünschten ihm Glück und warteten gespannt auf seine Rückkehr als „Erleuchteter“.

Im Tal am Berg der Erleuchtung ließ der Mann all sein persönliches Hab und Gut zurück, und setzte seinen Weg nur geschultert mit Proviant und Wasser fort. Da der Weg zum Berg hinauf viele Abzweigungen hatte, verirrte sich der Mann immer und immer wieder. Leider gab es keine Beschilderung am Wegesrand. Nachdem er wieder nur im Kreis gelaufen war, begegnete er einem Jäger. Der Mann erhoffte sich Hilfe von dem Jäger, da dieser sich in der Gegend am Berg auskennen müsse. Also fragte er ihn nach dem richtigen Weg zum Gipfel.

Der Jäger antwortete ihm:

“Der Weg vom Tal zum Gipfel ist von Natur aus doch offensichtlich. Der richtige Weg ist doch mehr oder weniger klar erkennbar für die Neunmalschlauen. Welcher Weg oder welche Abzweigung jedoch zum Gipfel führt, kennt nur derjenige, der ihn schon hinter sich gelassen hat. Wenn Du also den Gipfel erreichen willst, warum bahnst Du Dir dann nicht Deinen eigenen Weg?“

Der Mann war verwundert über die Antwort des Jägers, bedankte sich aber für dessen Rat, und versuchte dann doch nach seinem eigenen Gefühl den richtigen Pfad zum Gipfel zu finden. Mitten auf dem Pfad begegnete er plötzlich einer alten Frau, die bepackt mit Holz auf den Schultern seinen Weg kreuzte. Er sprach sie an und fragte, ob sie sich denn überhaupt auf dem Berg der Erleuchtung befänden.

Die alte Frau erwiderte ihm:

„Ja, sicherlich. Dieser Berg wird so genannt.“

Der Mann wollte mehr wissen und sprach:

“Wenn Sie hier wohnen, dann wissen Sie vielleicht auch, wie man Erleuchtung erlangen kann?“

Daraufhin lächelte die Frau und antwortete:

„Ja, selbstverständlich!“

Daraufhin ließ sie ihr Holz von den Schultern fallen und sprach:

„Einfach loslassen junger Mann. Dann findest Du schon die Erleuchtung!“

Anschließend schulterte sie wieder ihre Last, und ging ohne ein weiteres Wort an den nach Erleuchtung suchenden Mann zu richten. Über die Worte der alten Frau musste der Mann erst einmal nachdenken. Er kam zu der Erkenntnis, dass das Loslassen die Voraussetzung zum Erlangen der Erleuchtung sei. Also legte er all seinen Proviant und Wasser an der Stelle ab, als Symbol dafür. Dann ging er seinen Weg weiter.

Der Weg war beschwerlich und die Hitze des Tages machte ihm sehr zu schaffen. Jeder Schritt fiel ihm schwerer da er schon unter Hunger und Durst litt. Weit und breit war aber keine Nahrung oder Wasser zu finden. Und so geschwächt, setzte er seinen Weg zum Gipfel fort. Dieser schien ihm immer weiter entfernt zu sein, egal wie weit er den Pfad voranschritt. Er redete sich daraufhin selber ein, dass es wohl so sein muss, um die Erleuchtung zu finden. Dafür muss man auch Opfer bringen. Dadurch blieb sein Durchhaltevermögen ungebrochen. Er hatte auch schon von vielen Heiligen gehört, die durch Verzicht und dem Loslassen aller weltlichen Güter als Prüfung ihrer selbst ihren Willen zeigten zur Erleuchtung zu gelangen.

Weiter in Gedanken versunken kam ihm ein sehr alter Mann entgegen, der bergab ging. Von seiner äußeren Erscheinung, den Gewändern und seinem ausgeglichenen Gesichtsausdruck her, hielt er ihn für einen Mann der die Erleuchtung schon gefunden haben müsse, und sprach ihn an:

„Verehrter Herr, Sie befinden sich auf dem Weg bergab. Haben Sie die Erleuchtung schon gefunden?“

Der alte Mann antwortete:

„Oh ja. Mit dem Gipfel des Berges verhält es sich so, dass man bis zum Gipfel aufsteigt, und letztendlich doch wieder den Berg hinab steigt. Das ist die Tatsache.“

Der Mann auf dem Weg bergauf fragte weiter:

„Also bedeutet es, dass man zur Erleuchtung gelangt, und sie dann doch wieder verlieren muss?“

Der alte Mann grinste und sprach:

„Junger Mann, alles ist vergänglich. Man kann das Erreichen des Gipfels erleben, aber man kann nicht für immer auf dem Gipfel verweilen.“

Nachdenklich fragte der Mann weiter:

„Wie erlangt man dann die Erleuchtung auf dem Gipfel?“

Der alte Mann war daraufhin sehr belustigt und erwiderte:

„Der Hinweg zur Erleuchtung ist die Unwissenheit, und der Rückweg der Erleuchtung ist wiederum die Gewissheit Erleuchtung erlangt zu haben!“

Dann setzte der alte Mann seinen Abstieg weiter fort.

Über die Worte des alten Mannes sinnierend, schritt der so sehnsüchtig nach Erleuchtung suchende Mann den Weg weiter hinauf. Nach einer Weile hatte er endlich den Gipfel des Berges erreicht. Dort erblickte er ein kleines Kind, das allein saß im Spiele vertieft war, und Süßigkeiten aß. Er wunderte sich sehr, da er weit und breit kein Haus erblicken konnte. Auch andere Menschen waren nicht zu sehen. Er fragte sich, was das Kind ganz allein auf dem Gipfel machte. Er schritt auf das Kind zu und fragte:

„Junge, wo sind denn deine Eltern?

Ihm antwortete der kleine Junge:

Ich lebe hier allein, weil meine Eltern mich hier zurück gelassen haben.“

Verwundert entgegnete ihm der Mann:

„Weshalb haben dich deine Eltern hier gelassen?”

Der Junge sprach:

„Weil sie mich losgelassen haben um Erleuchtung zu finden. Ich lebe vom Essen und Trinken der Menschen, die den Gipfel erreichen und alles liegen lassen um Erleuchtung zu finden. Und, hast Du etwas für mich übrig was Du loslassen möchtest?“

Der Mann verspürte Unbehagen und sagte:

„Es tut mir sehr leid, von allem was ich besaß habe ich mich auf den Weg zum Gipfel gelöst um auch Erleuchtung zu erlangen.“

Das Kind sprach nur:

“Du bist auch einer von denen, die nicht verstanden haben, was es bedeutet loszulassen! Man lässt etwas los wenn man es nicht mehr benötigt, aber auf das was man noch braucht verzichtet man doch nicht!”

Noch bevor der Mann etwas antworten konnte, verschwand das Kind…

Plaitamin, Dezember 2012

Mehr Saiyasart

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